Minimalismus-Fallen: 3 Dinge, die du beim Ausmisten vermeiden solltest

Minimalismus und Aussortieren sind feine Sachen: Man befreit sich von überflüssigem Ballast, man rümpelt mal wieder so richtig aus, beschäftigt sich (vielleicht zum ersten Mal nach langer, langer Zeit) intensiv mit sich selbst und dem, was man eigentlich erwartet vom Leben – und stellt nebenbei auch noch das eigene Verhältnis zum Konsum grundlegend infrage.

Das Problem: Ganz so einfach ist das dann doch wieder nicht.


Minimalismus-Fallen: Wo Licht ist…

Sagt einem nur keiner. Will man auch gar nicht wissen, wenn man so im Umpack-und-Sortier-Fieber ist. Wenn man überall eigentlich nur noch den sinnlos angesammelten Plunder der letzten Jahre (Jahrzehnte?) sieht, alles am besten von jetzt auf gleich umgeändert haben würde und sich ganz toll und wunderbar und leicht und überhaupt wie ein neuer Mensch vorkommt beim Umkrempeln dessen, was einen an Dingen umgibt.
Das Minimalism-Game ist lustig, man entert leicht, wenn die ersten Hürden überwunden sind und gerät in eine Art Ausmist-Euphorie – die unter Umständen sogar ziemlich lange anhalten kann und in der jeder Gegenstand, der das Haus verlässt, einen Glücksgefühl-Kick auslöst.
Aber: Da gibt es ja auch noch Mitmenschen. Und das liebe Geld. Und die dumme Sache mit der Diskrepanz von Instagramfiltern, pinteresting Boards und der schnöden Realität. Ein paar Aspekte sind daher zu beachten, wenige, aber genaue Überlegungen anzustellen – bevor man sich ins Leben-umkrempel-Abenteuer stürzt und auch, während man freudig auf Hormon-Wellen, ausgelöst durch Flohmarktverkäufe und Sperrmüllabholungen, reitet.


Um euch das Minimalisieren zu erleichtern, beschreiben wir hier in drei Punkten was so alles auf euch zukommen kann

Here we go.

1. Du willst alles auf einmal.

Vielleicht hast du das Buch von Marie Kondo? (Das ist die japanische Beraterin und Bestsellerautorin, deren drei Bücher in 27 Sprachen übersetzt und weltweit 7 Millionen Mal verkauft wurden. Im Englischen wurde ihr Nachname sogar zum Verb kondo, das einen Schrank aufräumen bedeutet.)

Vielleicht bist du auch auf die Minimalists gestoßen oder hast ein paar Blogartikel zum Thema durchstöbert – und jetzt bist du hochmotiviert, hast das Gefühl, du müsstest unbedingt etwas in deinem Leben verändern und alles jetzt sofort anpacken! Das ist wunderbar! Wir freuen uns für dich!

Es war sicherlich vorherzusehen und du hast es logischerweise auch schon geahnt: Jetzt kommt das große, allseits unbeliebte ABER. In Großbuchstaben und am besten auch noch fett, kursiv und unterstrichen. Wenn das im Textbild kein unangenehmes Augenzucken verursachen würde. Und dieses ABER besteht seinerseits nur aus einem Ein-Wort-Einwand, einer Ermahnung – nein, vielmehr einem gut gemeinten Rat: ruhig. Bleib‘ ruhig. Einatmen. Ausatmen. Namasté. Oder so ähnlich.

Wir wissen: Wenn einen gerade die Motivation nach womöglich jahrelanger Aufschieberitis das erste Mal umfassend gepackt hat, kann man gar nicht schnell genug das ganze Haus in ein Klamotten-und-überflüssige-Dinge-Schlachtfeld verwandeln… und man sehnt sich nach dem Minimalismus!

Zeit und Energie

Das Problem an der Sache (worüber niemand so häufig und gerne spricht): Ausmisten kostet. Weniger Geld (das vielleicht auch ein bisschen – das kommt ganz drauf an, was du mit den ausrangierten Sachen im Endeffekt machst; am besten fährt es dir allerdings zusätzliches Taschengeld ein) – als vielmehr: Zeit und Energie.

Vor allem das Letztere ist ein nicht zu unterschätzender Aspekt: Wenn du dich an deinen letzten Umzug zurückerinnerst, hast du vielleicht noch eine diffuse Vorstellung davon, wie kaputt du am Ende des ganzen Unternehmens warst (und wie du dir geschworen hast, nie, nie nie! wieder umzuziehen).
So ähnlich ist das bei groß angelegten Ausmist-Aktionen auch: Das ist im Prinzip wie ein Umzug, nur im eigenen Hause. Und in einer ein bisschen stressigeren Version. Denn das meiste, was du bisher besessen hast, zieht in die Hände anderer Menschen um. Und dafür, dass das auch zuverlässig passiert, hast du zu sorgen.

Das bedeutet im Klartext:
• Wenn du Treppen hast: Treppenlaufmarathon (und schmerzende Oberschenkel)
• Kistenschleppen
• Bücken, auf dem Boden herumkriechen, aufspringen, wieder hinknien – repeat
• Füße plattlaufen auf dem Weg zur örtlichen Second-Hand-Sammelstelle (oder Caritas oder dem Roten Kreuz) zum Klamottenspenden
• Beine in den Bauch stehen auf Flohmärkten
• Organisation von Käufern auf Online-Plattformen, Abwicklung des Kaufes
• Und nicht zu vergessen: Das ständige Umherwälzen im Kopf – was brauche ich, was nicht, was kann ich stattdessen…?

Daher: Sei lieb zu dir (und den Sachen) und gönne dir Zeit. Das ist so immens wichtig! Gut Ding will Weile haben. Das ist wirklich so.

2. Du respektierst die Mitmenschen in deinem Haushalt nicht.

Wenn dich das Fieber gepackt hat, hast du überall nun nur noch überflüssig Angehäufes herumstehen, siehst, dass eigentlich gar nichts so wirklich geliebt wird und im ehrlichsten Sinn nichts weiter als ein Staubfänger ist, möchtest am liebsten sofort alles spenden oder verkaufen. Hauptsache, schnell weg mit dem ganzen Zeug.

Das Problem (wenn du nicht gerade in einer Single-Wohnung lebst): Eventuell machen deine Mitbewohner*innen oder wahlweise auch dein*e Partner*in nicht dieselbe Entwicklung durch wie du.
Du kannst nicht nur, weil dir die Klamottensammlung deines Partners auf die Nerven geht, du ganz genau weißt, was er schon seit einer halben Ewigkeit nicht mehr getragen hat und definitiv auch nicht mehr tragen wird – und die entsprechenden (aus deiner Perspektive!) überflüssigen Teile, um nervenkostümaufreibenden Auseinandersetzungen über Sinn und Zweck dieser Dinge aus dem Weg zu gehen, still und heimlich entsorgen.

So verständlich solche emotionalen Zustände im Eifer des Lebens-Umkrempel-Wahns (denn um nichts weniger handelt es sich hier) sind: Tu‘ das nicht. Bitte.

Es gibt wenig Respektloseres, als sich am Eigentum anderer Menschen zu vergreifen. Wie gut das auch gemeint sein mag. In dem Moment, in dem du für andere Menschen entscheidest, was für ihn oder sie behaltenswert ist, greifst du fundamental und irreversibel in sein/ihr Leben ein. Und überschreitest eine unsichtbare, tiefrote Markierung.

3. Du hast perfektionistische Vorstellungen vom Minimalist-Sein.

Nicht gut. Gar nicht gut. Kennst du diese Menschen, die so krass perfektionistisch sind, dass sie sich selbst eigentlich andauernd im Wege stehen – und das nicht einmal merken? Ich weiß nicht, wie viele dieser Exemplare es in deinem Freundes- und Bekanntenkreis gibt (vielleicht gehörst du sogar selbst dazu?), aber ich kann dir aus der Perspektive eines genau solchen Menschen versichern: Das Leben ist furchtbar anstrengend, wenn man alles perfekt machen will.
Und damit kommen wir wieder bogenschlagend (so funktioniert ein richtig guter Text!) zum Anfang zurück: Das kostest sehr viel Energie.

Das genaue Beobachten seiner Selbst sowie das Abklopfen der vorhandenen Gegenstände auf Tauglichkeit, in der neuen, minimalistischen Wohnung verbleiben zu dürfen, kann einen befriedigenden Charakter haben, ein schönes, kontrolliertes Gefühl vermitteln.

Darum geht es ja auch irgendwie beim Minimalisieren:
Um das Wiedererlangen einer Kontrolle über uns selbst und das, was wir in unsere vier Wände in Zeiten des unglaublich ungebändigten Überflusses lassen. Es ist ein Akt der Selbstbestimmung.
Aber wenn der sich darin äußerst, dass du abends von Zimmer zu Zimmer stromerst, die Regale mit den Augen nach Aussortierbarem abscannst und dich diebisch freust, wenn du wieder ein Teil für die Spendenkiste entdeckt hast – dann läuft da etwas falsch.
Es geht nicht um eine definierte Maximalanzahl von Gegenständen, anhand derer du dich „Minimalist*in“ schimpfen darfst. Es geht auch nicht um ein möglichst spartanisches, kasteiungsähnliches Leben. Sondern um das Finden von dir selbst – und deinen Bedürfnissen. Und wie soll das funktionieren, wenn du deine Handlungen in Fehler und gute Taten einteilst?

Denn die Wertung nach Fehlern und Richtigmachen impliziert bereits den Bezug auf ein außenliegendes System – eines, das seinen Bezugspunkt nicht in dir selbst hat und dementsprechend auch keine Hilfe auf dem Weg zum Finden deines (wie auch immer gearteten) neuen Ichs sein wird.
Wenn du in Fehlern denkst, denkst du mit dem Blick von Anderen auf dich selbst. Was zu erwarten wäre – und ob du diesen Erwartungen entsprichst.

Fehler gibt es nicht

Nicht in diesem Zusammenhang. Nur in Stationen auf deinem Weg. Und auf diesem ist das Ziel nicht definiert, weder für jemand anderen noch für dich. Kennst du das berühmte chinesische Sprichwort, das so oft und immer und immer und immer wieder zitiert wird? Das mit dem Weg und dem Ziel und so? Ja?
Dann versuche, in seinem Sinne zu handeln – und gut zu dir zu sein.

Versteh‘ uns nicht falsch: Wir möchten dir das Unterfangen auf gar keinen Fall madig machen – ganz im Gegenteil! (Auch wenn sich das gerade nicht besonders überzeugend lesen mag.)
Es ist toll und klasse, dass du dich entschieden hast, dir selbst und deiner Wohnung oder deinem Haus ein neues Ich zu verpassen – aber du darfst nicht vergessen, dass das nicht über Nacht funktionieren kann. So ist der ganze (in deinen Augen nun) Krempel ja auch nicht ins Haus gelangt – das hat auch seine Zeit gedauert.