Bauhaus – Happy Birthday et Je T´aime

„Was wäre, wenn…?“, das Gedankenexperiment über den alternativen Verlauf der Geschichte ist derzeit tagesaktuell. Bestes Beispiel hierfür, Amazons „The man in the high castle“. In der hochgelobten und ebenso hochdekorierten Erzählung spioniert, intrigiert und verschwört sich der Cast durch eine Alternativwelt, in der Nazi-Deutschland den Krieg gewinnt.

Abseits der Hollywood-Produktionen ergibt sich eine design-orientierte Frage nach dem alternativen Verlauf der Geschichte! „Was wäre, wenn das Bauhaus nicht das Licht der Welt erblickt hätte?“. Die Welt wäre ärmer an zeitlosen Linien, sie wäre ärmer an Bauwerken, die  beeindrucken und inspirieren; kurzum - die Welt wäre ein langweiligerer Ort im Weltraum.

Doch Alternativwelten hier und „was wäre, wenn…“ da – das Bauhaus ward uns geschenkt und Walter Gropius ist sein Prophet. Wir gratulieren und verneigen uns, vor einer Kunstakademie, die mehr ist als eine Kunstakademie!

Happy Birthday, Bauhaus! Je Táime, Bauhaus! 
 

Bauhaus – Geschichte und historische Umgebung

Die Welt schrieb das Jahr 1919 und der Ort war das thüringische Weimar. Der sinnbildliche „Spatenstich“ war die Zusammenführung der Großherzoglich-Sächsischen Kunstschule Weimar und der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule Weimer. Was sich liest wie ein bürokratischer Verwaltungsakt war nicht weniger als die Geburt einer Revolution. Das Staatliche Bauhaus in Weimar war ab dem 12. April 1919 die Keimzelle der Verschmelzung von Kunst, Handwerk, Architektur und Design.

Unter der Leitung von Walter Gropius konnten in den Jahren von 1919-1921 namhafte Künstler als Lehrer gewonnen werden. Paul Klee (1921) und Wassily Kandinsky (1922) vermittelten in den Werkstätten des Bauhauses einen Einblick in das Wesentliche der Kunst.
Nach der ersten Ausstellung und dem vereinendem Musterhaus „Am Horn“ (Weimar) 1923 folgte die erste Zäsur im Fahrwasser der historischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts.

Die rechtsnationale DVP – ab diesem Zeitpunkt dominierende Kraft in Weimar - kürzte der als link und international bekannten Kunstschule die Mittel.
Die Folge war 1925 ein Umzug nach Dessau. In der sachsen-anhaltischen Stadt ist noch heute das charakteristische Bauhaus-Gebäude zu bewundern, welches unter der Regie von Gropius entstand. Die Geschicke des Bauhauses wurden ab 1928 vom Schweizer Architekten Hannes Meyer gelegt, welcher die Prägung der Schule noch weiter in Richtung Industrie-Design und Architektur münzte. Mit der Machtergreifung der Nazis musste auch das ehrwürdige Bauhaus seine Pforten schließen. Ludwig Mies von der Rohe unternahm noch Versuche, das Bauhaus in Berlin als private Einrichtung weiterzuführen, diese „Version“ musste jedoch unter dem Druck der Nationalsozialisten 1933 schließen. Ein Teil der Bauhausgemeinschaft emigrierte aufgrund der politischen Situation über die Schweiz und andere Anrainerstaaten in die USA.
 

Die Idee hinter einer Bewegung – Warum Bauhaus?

„Jeder Bewegung wohnt eine Ausgangsidee und ein Ziel inne“, so poetisch lässt sich der sprichwörtliche Lauf der Dinge paraphrasieren. Für Gropius war sowohl die Idee als auch das Ziel seiner Vision die Verbindung von bildender, darstellender und angewandter Kunst. Der Zusammenfall von Ästhetik, Formgebung, Handwerk und Funktionalität in einer Zeit, in der neue Materialien und Fertigungstechniken die Membran zwischen „Wunschtraum“ und „baubar“ zerriss, war die Seele der Idee Bauhaus.

Die Ausbildung am Bauhaus war auf diese Erkenntnisse „erbaut“. In der Vorlehre wurden Formgebung und Materialkunde vermittelt und diese mit der gestalterischen und ästhetischen Sphäre verbunden. Die „Werkstätten“ wurden zum Versuchsfeld der modernen Ästhetik. Den Abschluss fand die Ausbildung in der Baulehre, welche die starke Ausrichtung des Bauhauses auf die hohe Kunst der Architektur verdeutlichte.
                           
 
Kunst und Handwerk, Schönheit und Pragmatik fallen im Augenblick des Baus zusammen. Unter dem Leitstern der De Stijl Bewegung wurden die sachlichen Formen der Geometrie ikonisch für die Handschrift der Dessauer Kunstschule.

Die Wiege des heutigen Industrie-Designs liegt hinter den Pforten des Bauhauses. Die Verquickung von Industrie und Kunst, von Ästhetik und Funktionalität schlagen tief in der Brust dieser Zeit. Programmatisch für diesen Weg ist der Titel eines Vortrags zur Eröffnung der Bauhauswoche 1923 – „Kunst und Technik – eine neue Einheit.“
 

Architektur, Kunst, Literatur – Was lebt Bauhaus?

Mit dem angebrachten historischen Abstand lässt sich die Essenz der Schule aus Dessau in vielen überlieferten Werken klar und deutlich erkennen. Stilprägend für die Zeit ab 1925 ist die Rückbesinnung auf Sachlichkeit, zurückgenommene Linien und eine Reduzierung auf das Wesentliche des ästhetischen Augenblicks.


Aus kunsthistorischer Sicht fallen Elemente der Neuen Sachlichkeit, des Expressionismus, des Konstruktivismus oder auch des Kubismus in die Blütezeit des Bauhauses. Eine Trennung zwischen den verschiedenen „Strängen“ fällt nicht nur schwer, diese Trennung widerspricht dem Ursprungsgedanken der gesamten Akademie.
 
Aus dieser Perspektive gedacht, ist schnell ersichtlich, dass es nicht DEN Bauhaus-Stil gibt. Als Lehranstalt war der Zweck der Akademie in erster Linie die Vermittlung von Wissen und ästhetischen Werten. Zur Stil-Ikone wurde „Dessau“ aufgrund seiner Lehrer und Schüler.

Auf dem Weg zur Institution geschahen verschiedene „richtige Entscheidungen“, die Bauhaus bis heute prägen. Die „Entlehnung der geometrischen Form“ aus der De Stijl Bewegung und die aufgeräumte Primärfarben, waren Momente und punktuelle Entscheidungen, die über die Jahrzehnte zum Markenzeichen wurden.  
 

Möbel im Fokus – ein Jahrhundert Stil und Schönheit

Breuer, Stam oder von der Rohe, das Kollegium der Kunstakademie liest sich wie das Who-is-Who der ersten Egide des modernen Designs. Und nicht weniger als die Wiege des Designs ist das Bauhaus.

Design als eigenständige Säule der Formgebung, als Zwitter zwischen ästhetischer Wissenschaft und pragmatischem Handwerk, ist Kind der Schule aus Dessau. Ab dem Jahre 1925 erschufen Lehrende und Schüler Ideen, Visionen und „Werke“, die bis zum heutigen Tage sinnspendend für die moderne Möbelindustrie sind.
 
Klassiker wie der erste „Freischwinger“ von Marcel Breuer wurden ermöglicht durch die Verwindung von Handwerk und Kunst, und realisierbar durch moderne Fertigungsmethoden und Materialien. Ikonenhafte Meisterstücke wie von der Rohes Barcelona Chair sind ebenso „Bauhaus“ wie die viel zitierte Bauhaus-Leuchte aus den Händen von Wilhelm Wagenfeld.

Allen Möbeln dieser Zeit wohnt die zurückgenommene Verve und die Sachlichkeit der Moderne inne. Trendbegriffe, die sich in unserem Sprachgebrauch eingeschlichen haben und die Kommentarspalten und Feeds der „Szene“ dominieren, Trendbegriffe wie „Minimalismus“ oder „Skandi“ wären Schall und Rauch ohne die Wiege der Moderne – das Bauhaus.